Namhafte Historiker, unter ihnen Professor Dr. Jens-Christian Wagner, Leiter der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora in Weimar stellen fest, dass das Wissen über jüdische Geschichte, Religion, Kunst und Kultur und das Wissen über die Zeit während sowie die Zeit nach dem Nationalsozialismus erhebliche Lücken aufweise. Wissen aber sei eine Voraussetzung für Verständnis, Annäherung und Wertschätzung. Die zukünftige Erinnerungs- und Gedenkkultur müsse somit akzentuiert über Affirmation und Rezeption hinausgehen.

An diesem Punkt setzt das Wertebündnisprojekt »Liberation Concert in Bayern« zusammen mit dem Projektträger Bayerische Philharmonie und weiteren Wertebündnispartnern an. Es ist gekennzeichnet von einem aktiven, in die Zukunft gerichteten Dreiklang:

Wissen – Würde – Werte

• Wissen und Wissensbildung
Ausgangspunkt der Wissensbildung von jüdischer Geschichte, Religion, Kultur und Musik ist ein konkretes historisches Ereignis: das Befreiungskonzert, das Musiker, die den Holocaust überlebt haben, am 27. Mai 1945 im DP Hospital St. Ottilien, Oberbayern aufführten. Davon ausgehend ist die vierjährige Geschichte der DP-Lager und des DP-Orchesters wesentlicher Gegenstand der Wissensbildung und Wissensvermittlung des Wertebündnisprojektes.

• Würde
Die Musiker des Liberation-Konzerts haben die Kraft gefunden, trotz Folter, Misshandlungen und Demütigung ein Orchester zu gründen und nach der Befreiung der KZ in den DP-Camps Konzerte zu geben. Die Musiker haben nie die Überzeugung verloren, dass sie als Menschen von Bedeutung sind und Bedeutung haben. Ihre Widerstandskraft und ihre Stärke entsprangen ihrer Würde. Alle Menschen haben den tiefen Wunsch, gut, fair und gerecht behandelt und akzeptiert, sowie als gleichberechtigt angesehen zu werden. Dieser tiefe Wunsch, würdig behandelt zu werden, entspringt der Überzeugung, dass wir – jede und jeder einzelne – Bedeutung haben. Sich einander mit Würde zu nähern, lässt keinen Raum für Vorurteile und Hass. Immanuel Kant sagte, dass alles einen Wert habe – der Mensch aber habe Würde. Und was eine Würde habe, das habe immer Wert.

• Werte und Wertebildung
Im Dialog findet Begegnung statt, wobei Würde für alle Beteiligten erlebbar wird. Dabei nutzen wir die Kraft der Musik, die Herz und Seele berührt. Damit geht die Bildung von Werten wie Menschlichkeit, Selbstbestimmung, Freiheit, Respekt und Toleranz einher sowie als zentraler Wert die Würde, die das Fundament des Grundgesetzes darstellt. »Die Würde des Menschen ist unantastbar.« (Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland, Art 1) Das Grundgesetz sieht also vor, dass die Würde jedem Menschen gleichermaßen innewohnt. Die Würde des Menschen ist somit angeboren und unveräußerlich.

Das Befreiungskonzert vom 27. Mai 1945 auf dem von den Amerikanern beschlagnahmten Gelände der Benediktinerabtei St. Ottilien hat folgende Hintergründe:

1. Appell an die Welt: Hier sind wir!

2. Beginn/Auftakt der Idee »Scherit Hapleita« (Verbleibender Rest), die sich als eigene Ideologie der Überlebenden manifestieren sollte und die als Projektion eines neuen jüdischen Selbstverständnisses betrachtet wurde.

3. Rettung und Erhalt jüdischer Kultur, Religion und Geschichte.

4. Traumabewältigung – Motto des aus acht überlebenden Musikern bestehenden Orchesters damals, exemplarisch für die Mehrzahl der Überlebenden: Looking, Looking away, looking foreward. Hinschauen (auf die jüngste Vergangenheit in Konzentrationslagern/Ghettos, Tod der Familien), Weggucken (Verdrängen, um diese Erfahrungen irgendwie ertragen zu können) und nach vorne blicken (Hoffnung, Motivation, Heilung).

5. Musik als Instrument und Ausdruck geistigen Widerstands.

Als die jüdischen Musiker dieses außergewöhnlichen Orchesters wie Zehntausend andere Überlebende des Holocaust feststellen mussten, dass ihnen die Ausreise aus Bayern/Deutschland aufgrund der restriktiven Politik potentieller Einwanderungsländer zunächst verwehrt wurde, zogen sie von DP Camp zu DP Camp mit der oben dargestellten Mission. Allein im „Wartesaal“ Bayern gab es 199 DP Camps, jüdische Gemeinden oder Kibbuzim. Ab 1948/49 wanderten die meisten Überlebenden nach Amerika, Israel, Kanada oder Australien aus. Und mit ihnen ihre Erfahrungen, ihre Geschichte und Geschichten, Ängste und Hoffnungen. Im Vergleich zu der Dynamik, die die Überlebenden entwickelten, sich eine Zukunft außerhalb Deutschlands, dem Land der Mörder aufzubauen, blieb der Ausgangsort St. Ottilien ein statisches Momentum. Die von den Überlebenden aufgebrachte Dynamik greift der Verein Liberation Concert auf und belebt sie mit zukunftsweisenden Inhalten.

1. Vertikale und horizontale Wissensbildung der historischen Hintergründe des Befreiungskonzertes durch die Projektpartner mithilfe von Workshops und Seminaren von Global Dignity, sowie der digitalen Ausstellung „Liberation Concert“ (inkl. Videos, CDs mit Klangbeispielen) und durch Aktivierung des gesamtbayerischen Schulnetzwerkes mithilfe eines methodischen Werkzeugkastens.

2. Weitergabe der vermittelten Inhalte an Schulen vor Ort, an Arbeitsgruppen und Bildungsinitiativen, die eine fundiertere Spurensuche und Recherche im eigenen Umfeld wie in Gebäuden, Friedhöfen, Archiven, Datenbanken und lokalen Archiven in jeweiliger Eigenverantwortung ermöglichen.

3. Wertebildung und Sensibilisierung für Werte durch aktuelle Bezüge mithilfe von Reflektionen und Diskursen in den Schulen mit den beteiligten Projektpartnern: z.B. Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus, Diskriminierung etc.; Bedeutung von religiöser / weltlicher Musik; Unterschiede / Gemeinsamkeiten zwischen Christentum, Judentum, Islam.

1. Bereitstellen des Originalprogramms des ursprünglichen Liberation Concerts vom 27. Mai 1945

2. Bereitstellen von Landkarten mit Standorten aller DP Camps in Bayern

3. Digitale Ausstellung (12 – 14 Tafeln)

4. Bereitstellen des Study Guide des Fördervereins Liberation Concert

5. Notenmaterial »Lomir shvaygn – Nie mehr schweigen!« von Johannes Barnikel, Neukomposition sowie auf Bedarf div. Arrangements für verschiedene Besetzungen

6. Notenmaterial »Won’t be silent« von Tobias Forster (große Besetzung)

7. Bereitstellen von Textbausteinen historischer Figuren als Grundlage zur Entstehung örtlicher Lesungen und Inszenierungen durch den Förderverein Liberation Concert e.V. auf www.liberationconcert.bayern

8. Workshops und Seminare zur Wertebildung von Global Dignity

9. Zeitzeugenberichte über Global Dignity

10. Interaktiver musikalischer Wertedialog mit dem Intendanten Mark Mast und Kammermusikern der Bayerischen Philharmonie

11. Konzert oder Veranstaltung »Liberation Concert« mit der Bayerischen Philharmonie

12. Bereitstellen des Streams »Liberation Concert« bei der Uraufführung (ca. 60 Minuten)

13. Bereitstellen des Trailers »Liberation Concert« nach der Uraufführung (ca. 8 Minuten)

Allgemeine Fragestellungen und Erkenntnisse (keine persönlich zuordenbaren Informationen) sollen im Anschluss an das Projekt z. B. als kurzer Bericht oder als Bilder, Videos oder Audiobeispiele auf der Homepage und auf der Homepage der Stiftung Wertebündnis zusammengefasst und veröffentlicht werden. So soll einerseits die Effektivität der Dialoge im Bündnis nachhaltig gesichert werden, andererseits die Öffentlichkeitsarbeit der Kooperationspartner unterstützt werden.

Der Projektträger veranlasst eine Evaluation des Projektes. Dabei sollen insbesondere Eindrücke von Schülerinnen und Schülern sowie von Veranstaltungsbesucherinnen und -besuchern abgefragt, ausgewertet und gesichert werden.